Liebe- Eifersucht - Hass

„Medea“ als Kaleidoskop menschlicher Emotionen im EvB

Dass dieser Theaterabend keine „leichte Kost“ bieten würde, merkten die zahlreichen Zuschauer, die trotz hochsommerlicher Temperaturen ihren Weg ins Forum des Emil-von-Behring-Gymnasiums Großhansdorf gefunden hatten, gleich zu Beginn der Premiere des Stückes „Medea“ am Mittwoch, dem 6. Juni 2018. Laute, emotionale Musik, mystische Lichtstimmung, in Säcke und Felle gekleidete DarstellerInnen in einem archaischen Tanz auf der Bühne.

Mitten unter den Tänzern Medea (emotional und stark verkörpert von Anna-Sophia M.), zauberkundige Tochter des Königs Aietes von Kolchis. Die Kolcher sind die Wilden, die Barbaren. Ganz im Gegensatz dazu stehen die ganz in Weiß gekleideten und mit Speeren und glänzenden Schilden ausgestatteten Argonauten um Iason (überzeugend gespielt von Pascal B.), die überraschend durch den Zauschauerraum kommend erscheinen. Sie bringen ihren Unmut über die in ihren Augen „niederen“ Kolcher lautstark zum Ausdruck. Und doch entspinnt sich wenige Momente später auf der Bühne beim tänzerischen Umkreisen der ungleichen Gruppen – ein handgreiflicher Konflikt liegt förmlich in der Luft - eine folgenschwere Liebesgeschichte: Jason und Medea sind fasziniert von einander, trotz der Bitten ihres Volkes geht Medea mit Iason in die Fremde, nach Iolkos.
Dort hatte Iason von seinem Onkel Pelias (Niklas M.) den Auftrag erhalten, das Goldene Vlies zu erbeuten, das Medeas Vater Aietes bewacht. Aus Liebe entschloss sich Medea zum Verrat und half Jason, der hofft, durch diesen Dienst seinen rechtmäßigen Thron zurückzuerlangen. Beim Raub des Vlieses starb Medeas Bruder. Auf einer langen, dramatischen Flucht, während der sie zwei Kinder bekommen (sehr passend dargestellt von Hanna F. und Carlos B. aus der 5b), gelangen Medea und Jason schließlich zurück nach Iolkos. Doch Pelias bricht sein Versprechen und verweigert Jason den Thron. Daraufhin wird er von Medea vergiftet und sie, Jason und ihre beiden Kinder begeben sich erneut auf die Flucht.

Sie erhalten bei König Kreon (Philip D.) auf Korinth Asyl, doch die Liebe Jasons zu  Medea ist abgekühlt, erscheint sie ihm im Gegensatz zur verführerischen Kreusa (Lea M.), der Tochter Kreons, nun als rückständig und wenig attraktiv. Zudem ist sie als „Barbarin“ eine Außenseiterin, sodass sich Jason entschließt, Medea zu verlassen, um Kreusa zu heiraten. Mit ihr kann er doch noch König werden. Aus Rache schenkt Medea, die von Kreon verbannt wurde, Glauke ein vergiftetes Kleid, das sie qualvoll zu Tode kommen lässt. Dieser dramatische Todeskampf wird faszinierend und sehr ausdrucksstark von Annabelle B. (als Gast aus dem Abitur-Jahrgang 2017 dabei) getanzt, die in das Kleid Kreusas und damit ihre Rolle schlüpft.

Diese Szene ist der Höhepunkt der insgesamt stark von choreographischen Elementen geprägten Inszenierung. Man sieht den SchülerInnen des Darstellendes Spiel-Kurses aus dem Q1-Jahrang unter der Leitung von Heike Blenk an, dass sie im Verlauf ihrer knapp 1 ½ jähringen Probenarbeit in Form eines Workshops vom Hamburger Profi-Tanz-Choreographen Manfred Hüttmann wichtige Impulse bekommen haben. Dialoge treten stark zugunsten von Bewegungen und bildlichen Elementen in den Hintergrund, viele Szenen werden passgenau durch die ausgeklügelte Licht- und Musikregie (Max W., ebenfalls Abiturjahrgang 2017) unterstützt, was den Abend für die Zuschauer zu einem hochemotionalen Erlebnis werden lässt. Überhaupt präsentiert sich das Ensemble neben den Hauptdarstellern sehr überzeugend und präsent, gerade in den Szenen ohne Sprache.

Dass eine derart dichte und professionelle Aufführung nicht im Rahmen des Schulalltags mit einer wöchentlichen Unterrichtszeit von 90 Minuten entstehen kann, ist klar. Hier haben die SchülerInnen und ihre Kursleiterin viele zusätzliche Probenstunden investiert, für die der begeisterte Applaus am Schluss sie hoffentlich etwas entlohnte! 

Das tragische Ende der Geschichte sei hier nur angedeutet, denn wer die Premiere verpasst hat, kann am Freitag (08.06.) ab 19.30 Uhr und am kommenden Mittwoch (13.06.) vormittags ab 10.20 Uhr im Forum dabei sein, wenn sich der Vorhang für „Medea“ erneut hebt. Es lohnt sich!


Text: Jörg Schraplau
Fotos: Marvin Keller