Blind sein - wie ist das?

„Können Sie erkennen, welche Haarfarbe ich habe?“

Das war eine der Fragen, die auf Bernt von Lüder einprasselten, als er die Klasse 5b des Emil-von-Behring-Gymnasiums besuchte. „Nein“, war die Antwort – denn Bernt von Lüder ist nahezu blind, er verfügt nur über ein Sehvermögen von 2%. „Wissen Sie auch nicht, welche Farbe mein T-Shirt hat?“, setzte Lotta noch einmal nach. „Nein, auch das nicht.“

Neugierig und nur anfangs ein bisschen scheu versuchten die Kinder sich ein Bild zu machen, wie es sich als blinder Mensch lebt. „Wie wissen Sie, wie spät es ist?“ Sie erfuhren, dass es sprechende Uhren gibt, und auch welche, die man aufklappen und ertasten kann. Sie lernten, dass es sehr schwer ist, Geldscheine auseinander zu halten, da sie keine extra Markierungen tragen. Sie sahen und hörten, wie sich der blinde Mann mithilfe einer Schnalztechnik sicher durch den Raum bewegen konnte. „Das erfordert allerdings viel mehr Konzentration, als wenn ich alles sehen könnte“, berichtete er. Wo die Nahrung auf dem Teller liegt, erkenne er, indem er sich den Teller wie eine Uhr vorstelle. Sein Gegenüber müsse sagen: „Erbsen auf halb acht...“ Dann wisse er, wo sie liegen. 

Dann ging es um den Umgang mit Blinden. „Wer führt mich mal in die hintere Ecke des Raumes?“ Freiwillige gab es reichlich – nur niemanden, der wusste, wie genau man das macht. Carlos versuchte es, indem er Bernt von Lüder vorsichtig an die Hand nahm. Nur ungenau konnte er so die Richtung weisen. Eine Mitschülerin rief Befehle. „Links, geradeaus, rechts!“ Auch das war nicht genau genug und würde im Getümmel der Innenstadt zum Beispiel auch gar nicht zu hören sein. Luna schließlich fasste den Oberarm – und siehe da, das ging schon deutlich besser. „Man braucht zwar ein paar Sonderkenntnisse, aber ansonsten möchten wir Behinderten ganz normal behandelt werden“, sagte Bernt von Lüder. Nicht anstarren. Nicht wegschauen. Keine Angst haben. Wir möchten leben wie alle anderen auch.

Am Ende der Stunde waren die 11jährigen um einiges informierter und sensibilisiert für das Thema Blindheit. Vertiefen könnte Klassenlehrerin Jenny Dressler das noch mit einem Ausflug in den „Dialog im Dunkeln“, einer aktiven Ausstellung in der Speicherstadt, wo man das Blindsein am eigenen Leib erfahren kann. Bernt von Lüder ist immer gerne bereit, auch andere Klassen zu besuchen und eine Unterrichtsstunde zu gestalten.

Text und Bilder: Heike Blenk