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DSp-Aufführung

„Wir haben alle Schuld!“

Aufruf zu mehr Achtsamkeit – Theaterproduktion „Schuld“ hatte Premiere

„Ich kann nichts dafür!“ „Ich trage keine Verantwortung!“ Nicht ich – du bist schuld!“  Rufen die Jugendlichen zunächst bei der Beerdigung ihrer Mitschülerin Hannah. Hannah hat sich das Leben genommen. Und jetzt geht um die Gründe, warum ihr Leben endete. „Wir haben alle Schuld!“, ist die Erkenntnis Jugendlichen am Ende. Dazwischen liegt die Rückerinnerung an verschiedene Begegnungen mit Hannah, die dann doch bedeutsamer erscheinen, als zunächst angenommen.

Da ist ein sehr privates Foto, das die verliebte Hannah an ihren neuen Freund Justin geschickt hat. Justin hat es seinen Freunden gezeigt – und einer verschickt es mutwillig weiter an alle in der WhatsApp-Gruppe. Da ist die eifersüchtige Freundin Jessica, die Hannah fälschlicherweise beschuldigt, sie auf eine NOT HOT-Liste zu setzen. Da sind Chloe und Zoe, die Hannah die Komplimente vorenthalten, die andere Mitschüler für sie aufgeschrieben haben. Da ist Tyler, der das Persönlichkeitsrecht verletzt und Hannah mit einer lesbischen Freundin in zweideutiger Pose fotografiert und das öffentlich macht. Da ist der Mitschüler Marcus, der sie aus verletztem Stolz „Hure“ nennt.  Da ist die Klasse, die sich über einen verzweifelten Hilferuf an die Lehrerin, von Hannah geschrieben, lustig macht. Da sind die angesagten Baseball-Spieler, die Hannah auf einer Party betrunken in eine Ecke drängen und am Ende vergewaltigen. Da ist der Vertrauenslehrer, der vor lauter Termindruck keine Zeit findet, sich um Hannahs Selbstmordabsichten zu kümmern. Am Ende ist Hannah allein mit all den kleinen Unzumutbarkeiten ihres Alltags, die jede für sich zu ertragen wären – aber in der Summe zu viel sind für sie. Hannah sieht in ihrer Verzweiflung keinen anderen Ausweg und tötet sich.

Basierend auf Jay Ashers „Thirteen Reasons Why“ hat der Kurs Darstellendes Spiel 2 mit Theaterlehrerin Heike Blenk das Thema Mobbing auf die Bühne des Stormarner Emil-von-Behring –Gymnasiums gebracht. Knapp zwei Jahre haben sie für ihr Stück, das sie „Schuld“ nennen, Szenen entwickelt, besprochen, verworfen oder verbessert. Knapp zwei Jahre haben sie geprobt, auf der Bühne laut und deutlich zu sprechen, die richtige Körperhaltung für ihre Figuren zu finden und miteinander glaubhaft zu agieren. Manches Mal war man sich nicht einig. Manches Mal verließ sie der Glaube daran, so eine große Produktion am Ende auf die Bretter, die die Welt bedeuten, zu stemmen. „Tatsächlich, das ist immer eine anstrengende, unvorhersehbare und abenteuerliche Reise“, lacht Heike Blenk. „Wir dachten zwischenzeitlich, das kriegen wir nicht hin“, erinnern sich Marie und Indira, die beide die Jessica spielen.

Und dann gelang es doch. Kurz vor knapp saßen alle im selben Boot. Zogen alle an einem Strang und in die gleiche Richtung. Und er war da, der Flow, der den Zauber des Theaterspielens ausmacht. Mit Energie und Selbstbewusstsein zeigten die 23 Schülerinnen und Schüler des Q1-Jahrganges glaubhaft, wie ein Mensch an vielen kleinen und größeren Gemeinheiten zu Grunde gehen kann. Und das Publikum lauschte und sah konzentriert und interessiert zu. Ab der Mitte gab es während der Schulaufführung bereits Szenenapplaus. Am Ende verharrten die Zuschauer zunächst noch geschockt vom Bühnengeschehen – um dann aber umso begeisterter zu klatschen und zu pfeifen. „Zu Recht!“, fand auch Schulleiter Rainer Kuske, als er der Spielleiterin, stellvertretend für alle, einen Blumenstrauß überreichte. „Das war eine beeindruckende Leistung über ein sehr wichtiges und ernstes Thema!“

„Für mich war das schwer auszuhalten, ich wäre am liebsten auf die Bühne gesprungen und hätte ihr geholfen“, verriet die Mutter der charismatischen Hauptdarstellerin. Charlotte selber hatte mehr Abstand. „Das ist ja zum Glück nur eine Rolle!“ Ihr Freund Sjard, der im Stück ihren Vergewaltiger spielt, nickt und nimmt sie bekräftigend in den Arm. „Uns ist wichtig, zu mehr Achtsamkeit, Respekt und Freundlichkeit  im Umgang miteinander aufzurufen!“, betont Indira, die neben der toten Hannah mit berührender Ernsthaftigkeit „This is the end – skyfall!“ singt.

Nicht auf der Bühne zu sehen, aber essentiell wichtig für die Bühnenperformance, die Technik. Luis, Niclas und Anton zogen im Hintergrund die Regler, damit das Handyklingeln, Schulbimmeln, Blaulicht und Playback rechtzeitig kamen und das Spiel takteten. Damit die Atmosphäre über Rot- oder Blaufilter unterstützt wurde und Nebeldampf die Disco-Szene unterstütze.

Sie wurden unterstützt vom Experten Max, einem Ex-Schüler, der für Theaterproduktionen immer gerne zurück an seine alte Schule kommt. Auch Kaja und Erik kamen an ihre alte „Penne“ zurück und standen dem Kurs mit Rat und Tat zur Seite. Beide hatten in früheren Aufführungen auf der EvB-Bühne gestanden. „Das Fach DSP ist so ganzheitlich. Man denkt über Plots nach, man lernt mit Stimme und Körper zu sprechen – vor allem aber muss man sich in ein Team einfügen, es voranbringen und eigene Grenzen überwinden, das braucht man überall im Leben“, resümiert Erik. „Und das Gefühl, es am Ende geschafft zu haben, das ist grandios und lässt einen wachsen“, fügt Kaja auf der Premierenfeier hinzu – sie bewirbt sich zurzeit an Schauspielschulen in ganz Europa.

Ob unter dem „Schuld“-Ensemble zukünftige Berufsschauspieler sind, ist noch nicht entschieden. Gewachsen sind sie persönlich aber sicherlich alle - und zu etwas mehr Achtsamkeit in ihrer Schule haben sie mit ihrer Produktion vermutlich auch beigetragen.

Text und Bilder: Jörg Schraplau/Birthe Höckendorff/Marvin Keller


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