Make love - not war!

„Two households in Verona … from ancient grudge break to new mutinity...“ Mit diesen ersten Zeilen umriss William Shakespeare 1597 die Situation im wohl bekanntesten Liebesdrama aller Zeiten. Über Generationen aufgebauter Hass führt zu immer wieder aufflammender Eskalation zwischen den Familien Capulet und Montague in Verona.

„Was hat da denn mit uns zu tun?“ Kann man das heute noch spielen?“ Das waren Anfang 2023 die ersten Zeilen im Kurs Darstellendes Spiel, als Kurslehrerin Heike Blenk vorschlug, „Romeo und Julia“ auf die Bühne zu bringen. Nach anfänglichem Zögern wurde aber schnell klar: Nichts hat sich geändert in der Welt und Shakespeares Warnung ist aktueller denn je. Nur ein Beispiel: Seit ewigen Zeiten schwelt es zwischen Palästinensern und Juden. Gerade eskaliert die Situation im Gazastreifen wieder. Ein anderes Beispiel: Wie können die  Ukrainer und die Russen jemals wieder in friedlicher Nachbarschaft leben?

„Aber wir machen es auf unsere Weise!“, entschieden die 16 Jungen und drei Mädchen. Und so wurde kurzerhand der Hochzeitswunsch eliminiert; in der Reoladed-Version wollen Julia und Romeo nur ein ganz normales Liebespaar sein. Sie treffen sich auf einer Kostümparty und versuchen ihre Liebe gegen den Willen ihrer verfeindeten Familien und Freundeskreise zu leben.

Geblieben sind die Eskalationen im Bandenkrieg auf der Straße - und plötzlich sinkt Mercutio tot zu Boden, Romeo verliert die Beherrschung und tötet aus Rache Julias Cousin Tybalt. Die Sprache ist wild und modern, die Charaktere nehmen reloaded kein Blatt vor den Mund. Vieles ist immer wieder neu und frei improvisiert. Shakespeares etwas konstruiert wirkende Verwicklung um den Trank vom Apotheker, den unfähigen Boten und Romeos Irrtum wurde gestrichen. In 2024 irrt sich Julia und nimmt fälschlicherweise an, dass sie nie mehr mit ihrem Romeo zusammen sein kann, weil der lebenslang im Gefängnis sitzt. Das Ergebnis ist dasselbe – am Ende sind die jungen Liebenden tot, denn auch Romeo will, wie im Original, nicht ohne die Liebste sein, und erschießt sich.

Eine Stecknadel könnte man fallen hören im Publikum bei der Premiere im Forum des Emil von Behring-Gymnasiums, als das Liebespaar, schon nicht mehr auf dieser Welt, schließlich gemeinsam zwei Grabsteine aufstellt. Hier in der Zwischenwelt sehen sich die Liebenden in die Augen, fassen sich an den Händen. Sie werfen einen entrückten Blick zurück in die Welt, ins Publikum, und gehen in die Tiefe der Bühne ab. Ruelle singt „“You´re the closest to heaven that I´ll ever be... and sooner or later it´s over”.

Mehr braucht es nicht um klarzumachen, dass Hass zu nichts führt und Konflikte nicht durch Eskalation und immer mehr Tote zu lösen sind. Make love – not war! In der finalen Beerdigungsszene reichen sich die unglücklichen Väter Capulet und Montague endlich die Hände.

Dieses Endbild bleibt stehen in den Köpfen, noch lange, nachdem der begeistert aufbrandende Schlussapplaus  verebbt ist und das jugendliche Ensemble adrenalingeschwängert längst bei der Premierenfeier sitzt und Darstellendes Spiel als Lieblingsfach deklariert. „Da hatte ich immer Lust drauf“, resümiert Magnus. Da muss man so über seinen Schatten springen und kann ganz andere Seiten von sich zeigen“, sagt sein Nachbar. „Da spürt man sich, die anderen und das Thema und wächst als Gruppe.“

„Wow, das war lebendig, spannend, zeitgemäß“, sagt ein Vater. „So eine Energie, die da auf der Bühne war!“, lobt eine Mutter. „Das war aufregend, ernst und an anderen Stellen auch lustig“, fasst Schulsekretärin Yasmin Beier zusammen. „Perfekt!“, lobt ein Abiturient. „Chapeaux!“ Jörg Schraplau als Mitglied der Schulleitung dankt Gruppe und Spielleitung „für ihren offensichtlich hohen Einsatz!“

Bis zur Perfektion war der Weg steinig und voller Hindernisse. Unter der Leitung von Heike Blenk und Kaja Buse mussten die einzelnen Szenen entworfen und probiert werden. Nicht immer war man sich einig. Vieles wurde verworfen und neu gedacht. Kostüme und Plakate mussten überlegt werden. Ein Licht- und Tonkonzept musste probiert und festgeschrieben werden. Proben fielen aus wegen der Studienfahrt, der Skifahrt, Krankheit, Feiertagen, Ferien oder anderer schulischer Veranstaltungen. Die Lichtanalage funktionierte mal nicht und in der nächsten Woche streikte der Ton. Wie überwindet man seine Schüchternheit und spricht frei auf der Bühne? Wie flüstert man laut genug für die Zuschauer?  Wer spielt überhaupt welche Rolle? Zwischenzeitlich schien alles zu stagnieren.

Aber aufgeben war nie eine Option. Ehemalige EvBler unterstützten in den letzten Wochen mit Rat und Tat. Und am Ende wirkte die Theatermagie. Jeder fand seinen Platz. Isabel und Pauline waren Julia. Sverre und Clemens ihre Romeos. Und auch alle anderen Rollen konnten perfekt ausgefüllt werden. Alle ruderten kräftig in die gleiche Richtung. Kurz bevor der Vorhang aufging, war jeder „ready to rumble“.  „Ich hab richtig Bock!“, rief Luca, rieb sich die Hände und stürmte gleich darauf mit seinen Mitstreitern in den ersten Straßenkampf.

Weitere Aufführungen dieser packenden Produktion sind zu sehen am 21.6. um 8.30 Uhr und 10.20 Uhr – im Verbund mit der Szenencollage „Feed“ des WPK 10. Die Vorstellungen sind öffentlich.

Text: Heike Blenk

Bilder: Marvin Keller

 

 


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