Am Ende der Klassenstufe 10 haben die Schülerinnen und Schüler ihren MSA, ihren mittleren Bildungsabschluss, in der Tasche. Das ist ein guter Zeitpunkt, um zu überlegen, ob man weitere drei Jahre zur Schule gehen will, um das Abitur zu machen. Oder ob man genug hat vom Drücken der Schulbank und lieber etwas Praktisches machen möchte.
Was das sein könnte und ob generell ein bestimmtes Berufsfeld zu einem passt, das sollen die zweiwöchigen Berufspraktika zeigen. Organisieren tut sie Dr. Robert Mohr, einen Platz suchen müssen die Jugendlichen selbst, begleiten tun sie die Klassenlehrkräfte. Auch für sie ist das eine interessante Zeit – können sie doch ihre Schülerinnen und Schüler mal in ganz anderer Umgebung sehen – und auch ihnen unbekannte Arbeitsplätze und Menschen kennen lernen.
Hier exemplarisch die Erfahrungen der Klasse 10a und ihrer Klassenlehrerin Heike Blenk:
Tag 1: Raum Ahrensburg
Ich parke vorm ruhig und doch zentral gelegenen Hotel am Schloss in Ahrensburg und treffe an der Rezeption Frau Richter, die mir ausnahmsweise nicht die Hand gibt, weil sie erkältet ist; mir aber einen morgendlichen Kaffee anbietet und Carina holen lässt. In einem Konferenzraum genieße ich das Heißgetränk und Carinas Schilderungen aus dem Housekeeping. Hier muss man in den Zimmern ein Bettlaken faltenfrei spannen können und jedes Staubkörnchen entfernen. Die Schülerin sieht im dunkelblauen Poloshirt mit Hotellogo aus, als würde sie schon zum Stammpersonal gehören. Was sie sich auch vorstellen könnte. Allerdings sieht sie ihre Zukunft auch Hotels im Ausland. Frau Richter rät, zunächst eine Ausbildung in einem deutschen Haus zu machen, da diese überall gut angesehen werde.
Klassenkameradin Nea treffe ich im Kaufhaus Nessler und lerne, dass „Deko-Abteilung“ nicht etwa der Ort ist, an dem es bunte Hasen und Eier für den Ostertisch gibt, sondern die Abteilung, die Schaufenster nicht nur mit Pappmaschee dekoriert und auch Reparaturen in den Innenräumen vornimmt.
Gleich nebenan steht Emma zwischen Regalen voller bunter Buchrücken in der Buchhandlung Heymann. Reise, Kinder, Fantasy, Romane... Ich plane für die Osterferien eine Reise nach Sizilien und bitte die junge Praktikantin um einen passenden Literaturvorschlag. Aus dem Kopf weiß sie kein gutes Buch, das dort spielt – aber sie eilt zum Computer, gibt Suchbegriffe ein – und hat gleich mehrere Vorschläge parat. Einer ist nicht vorrätig, aber die anderen findet sie schnell im nach Autoren geordneten Regal. Wir schauen nach den Inhaltsangaben im PC. Am Ende kaufe ich „Ilaria“ von Gabriella Zalapi. Emma zeigt mir noch die Heymann-eigene Bestsellerliste und erzählt vom Auspacken und Einsortieren von neuen Lieferungen. Und davon, dass man sich hier doch formaler verhalten müsse als in der Schule.
Zu Linus finde ich trotz des Navis nur über Umwege, aber schließlich parke ich doch vor dem Gebäude der Firma Enfinitec. Draußen erwartet mich schon der Betreuer Torben Slawinski. „Wir sind hier alle per du“, begrüßt er mich freundlich. Bestimmt allerdings weist er mich an, mein Handy einzuschließen, es lagerten Prototypen, die man nicht fotografieren dürfe. Linus hat ebenfalls kein Handy am Mann – und darf so gleich ran an die Geräte. „Kunden schicken ihre defekten PCs zu uns und wir schrauben sie auf und beheben die Schäden“, erzählt er stolz. Er sitzt mitten zwischen den Azubis, die ihn gleich unter ihre Fittiche genommen haben. Berufsziel: IT-System-Elektroniker.
Tag 2: Raum Hamburg Rothenburgsort
Die heutigen Adressen zeigen, dass Hamburg eine am Meerwasser gelegene Hansestadt ist. Grüner Deich, Billhorner Deich, Ausschläger Elbdeich und Überseering.
Mit dem feuchten Nass hat Leons Praktikumsplatz auch direkt zu tun – er ist bei Hamburg Wasser. Im leuchtenden Blaumann erwartet er mich beim Pförtner und berichtet, dass er in der Abteilung Facility Management unter Aufsicht durchaus auch schon defekte Stecker ausgewechselt hat.
Nike kann bei der IT-Firma x-ion im 4. Stock eines Hochhauses in der Hafencity weit über das Wasser der Elbe schauen. Eigentlich wollte sie zu einer Familienanwältin; die hat aber mittlerweile den Arbeitsplatz gewechselt. Nun zeigt sie Nike hier, was man als Anwältin für so eine Firma tun kann.
Angelina lernt in Laborkittel und mit Schutzmaske und Haarnetz bei Ingredion etwas über die Ingredenzien von Joghurt, Pudding, Brot, Kuchen und Bonbons. Es geht viel um Stärke und den Trend, Lebensmittel mehr und mehr vegan herstellen zu können. Ich treffe auch Finja wieder, die vor vielen Jahren mal meine Schülerin war – und nun hier ein duales Studium absolviert.
Alexandra befasst sich bei den Hamburger Energiewerken mit verschiedenen Abteilungen dieses großen Konzerns. Akquise, Service und Finanzen; letzteres werde wohl eher nicht ihr beruflicher Fokus werden. Aus Erzählungen ihrer Mutter, die auch beim Versorger arbeitet, hatte sie kein so großes Interesse abgeleitet. Nun aber, direkt vor Ort, ist sie generell aber begeistert.
Tag 3: Raum Hamburg Wandsbek und Rahlstedt
Auf dem Gelände der Hamburger Hochbahn lerne ich von Philip im blau-grauen Montage-Outfit, dass Busse einmal im Jahr durch den TÜV müssen, da ihre Belastung durch das ständige Stoppen und Anfahren weit höher ist als bei PKW. Er hat auch schon an einem Bus geschraubt. „Das geht anfangs ganz schön auf den Rücken.“
Felix zeigt mir im Katholischen Kinderkrankenhaus Wilhelmstift auf der Station 5 drei Frühchen, von denen er bereits eins auf dem Arm genommen und gefüttert hat. „Ein unbeschreibliches, gutes Gefühl“, fasst er zusammen. Er könne sich für die Zukunft durchaus etwas im helfenden, medizinischen Bereich vorstellen.
Auch Fiete könnte sich vorstellen, die Erfahrungen aus dem Praktikum weiter auszubauen. Nach einem Urlaub auf Sri Lanka mit seinen Eltern, bei dem er mit der Wirkkraft von Pflanzen und Naturheilkunde in Kontakt gekommen ist, wollte er das Thema vertiefen. Bei verschiedenen Praxen mit diesem Schwerpunkt hat er sich beworben. Der Naturheilpraxis Ina Kollmorgen gefiel sein motiviertes Bewerbungsschreiben, er wurde zur Vorstellung eingeladen – und fürs Praktikum genommen. Mit leuchtenden Augen und weißgekleidet führt er durch die Praxisräume und erklärt alternative Behandlungsmethoden. In einem Notizbuch steht, was er bereits erfahren konnte und in einem Fläschchen duftet eine entspannende zitronenbasierte Essenz, die er schon zusammenmixen durfte. Selbstverständlich gibt es für die Lehrerin keinen aufputschenden Kaffee, sondern entspannenden Melissentee. Das Praxisteam bescheinigt ihm begeistert die nötige Ruhe und ein Händchen für die Patienten.
Tag 4: Hamburg Hammerbrook und Büchen
In der IT-Abteilungder Tiefbau-Firma Aarsleff treffe ich Ben, der bereits einige Reparaturaufträge erledigen konnte, weil er sich auch privat für diesen Bereich interessiert und dementsprechend über Vorwissen verfügt. Das freut Herrn Grund, der für meinen Besuch bei seinem Schützling sogar aus dem Homeoffice gekommen ist. Neben technischem Fachwissen brauche man aber auch Menschenkenntnis und die Fähigkeit, der Situation angepasst zu kommunizieren. Das sei gar nicht mehr so selbstverständlich. Ben aber könne auch das, stellt er fest.
50 Autominuten entfernt treffe ich Lina in der Verwaltung der Seniorenpension Büchen GmbH. Sie sei nicht in der Pflege eingesetzt, sagt ihre Bezugsperson – und Cousine – Frau Assmann. Das sei noch nichts für so junge Seelen. Dafür kann Lina mir die Kosten für ein Zimmer je nach Pflegegrad berechnen. Schon bei geringem Pflegegrad ist es eine Summe um 3500 Euro pro Monat. „Ich habe auch schon einen Mitarbeiter eingestellt bzw. dessen Papiere fertig gemacht“, berichtet sie. Struktur brauche man an ihrem Arbeitsplatz auf alle Fälle und auch große Flexibilität, weiß sie.
Tag 5: Großhansdorf, Bargteheide, Bad Oldesloe, Lübeck
Zunächst geht es zum Zahnarzt. Ganz nah an der Schule betätigt sich Jonas diese zwei Wochen doch völlig anders. Zahnreinigung, Prophylaxe, Empfang... Die Woche zuvor war er in Hamburg in einer anderen Zahnarztpraxis. „Dort wurden allerdings kieferchirurgische Operationen durchgeführt“, erzählt er.
An Zähnen – am Pferdegebiss – wird, unter anderem, auch an Mias Praktikumsplatz gewerkelt. In der Pferdeklinik Bargteheide geht es jedoch vor allem um orthopädische Probleme der tierischen Patienten. Aber auch ein neugeborenes Fohlen steht noch zittrig auf den stöckerigen Beinen neben der Mutterstute in der Box. „Da hat es wohl unter der Geburt Komplikationen gegeben“, meint Mia.
Bei Minimax Technologies GmbH befasst sich Jannis mit Sprinkleranlagen. Der Feuerschutz von IKEA werde vollständig in der Firma gemacht, weiß der Praktikant mittlerweile. Ebenso alles bei Porsche. Jannis weiß auch, dass man statt mit Wasser auch mit Schaum oder Gas löschen könne.
Meine letzte Besuchsstation führt mich ins 4. Polizeirevier Lübeck. Jonna fährt täglich mit auf Streife, unter Blaulicht und in schusssicherer Weste. „Wir sind zu einem Großbrand ausgerückt“, erzählt sie, „und zu einer suizidgefährdeten Frau.“ Man sehe viele negative Aspekte der Gesellschaft und sei froh, abends wieder im sicheren Zuhause anzukommen. Auch über den Schulstart um 8.30 Uhr werde sie nicht mehr meckern – zur Zeit muss sie um 4.30 Uhr aufstehen.
Erik und Nick machen Erfahrungen bei Campanale Gartendienste, Lasse bei MeschElektrotechnik GmbH und auch die brasilianische Austauschschülerin Maria hat kurzfristig noch einen Platz gefunden; in der evangelischen Kita Sonnenblume. Sie werden vom stellvertretenden Klassenlehrer Henning Grupe besucht.
Generell heißt es in allen Bereichen: Ein gutes Zeugnis sei das eine, aber eine respektvolle Art und eine neugierige und positive Arbeitseinstellung das andere, um beruflich durchzustarten.
Für den WiPo-Unterricht erstellen alle Praktikantinnen und Praktikanten des 10. Jahrganges Plakate zu ihren Arbeitsplätzen – und geben Erfahrungen und Adressen gerne auch weiter an die jüngeren Jahrgänge!
Text und Bilder: Heike Blenk














